Farben zum Advent

Vor ein paar Tagen war ganz Murnau – unsere Nachbarstadt – orange dekoriert.

Auf dem Weg zum Einkaufen schlenderte ich die Fußgängerzone entlang, als mir die mit orange Bändern umwickelten Bäume und die festliche Stimmung auffielen. Dann sah ich die orangefarbenen Strahler, die den Ober- und Untermarkt säumten und eine magische Stimmung verbreiteten.

Frauengruppen mit orangefarbenen Schirmen kamen mir lachend entgegen und auch in einigen Schaufenstern standen aufgespannte Schirme hinter Postern, die auf den Sinn der Aktion hinwiesen:
Eine Aktion gegen Gewalt an Frauen in aller Welt – wie passend, dafür orange zu wählen! Orange steht für Selbstwert, Bewegung, Köperliches Vergnügen, Kreativität, Wehrhaftigkeit, Wärme, Eigensinn.

Und in den stets sehr zauberhaften Läden der beiden Frauen Müßig (links Blumen, rechts Obst und Gemüse) leuchteten kreativ dekorierte Auslagen. Wunderland!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Farbe Orange begleitete und beschäftigte mich den ganzen Tag (wie ein „Ohrwurm“ für die Augen…),  und am nächsten Tag ging es weiter: Ich begann überall, wo ich gerade war, auf die Farbe Orange zu achten.
Die letzten orangenen Blüten auf meinem Balkon.
Das kleine gold-orangene Kissen, auf dem meine Mini-Klangschale ruht.
Orangene Stife und der Hefter mit den Unterlagen zu meinen Flow-Kursen.
Orangene Kränze auf dem Bild der weißen Tara…und die Tara („Hallo, lange nicht gesehen!“) und die anderen Farben auf dem Bild!
Die orangenen Plastikdeckel der Streukisten am Straßenrand („Hallo Streukisten, ich habe euch  vorher noch NIE gesehen!“)

Ihr merkt es schon: Meine Aufmerksamkeit für die Farbe Orange hob plötzlich auch alle anderen Farben, Formen und Gegenstände hervor. Die Welt trat mir entgegen und leuchtete. Mein Sehen war wie frisch gewaschen. Es war spannend – und gleichzeitig entspannend. Einfach, wie ein Kinderspiel!

Dann begann mir einzufallen, was die Farbe Orange schon alles für mich bedeutet hat. Geschichten tauchten auf, Klänge, Gerüche, Eindrücke… Menschen. Orte. Stimmungen. Berührend, beglückend und anregend.

Jetzt bin ich schon fast eine Woche mit den Farben unterwegs und fühle mich so bereichert, dass ich eine Übung draus machte, die ich hier an euch weitergebe!

ERSTE ÜBUNG zum Advent:

Beginne mit der Farbe Orange. Schaue dich um, schärfe deine Sinne: Wo siehst du irgendetwas in dieser Farbe?
Nimm es zur Kenntnis, lass die Farbe/den Gegenstand auf dich wirken.
Nimm diesen Moment verstärkter Aufmeksamkeit als kleine Pause im Alltag.
Frage dich: Wie wirkt die Farbe auf mich?
Atme sie ein, lass dich von ihr berühren.
Schalte im Laufe des Tages immer wieder dieses wache Sehen ein. Schaue. Forsche. Gucke genauer hin. Und spüre. Entspanne. Atme.

Wohltuend, oder?

Mache ein paar Tage lang so weiter. Achte auch darauf, wie sich das Sehen insgesamt erweitert. Wie das sich das körperliche Spüren dazugesellt.

Und schaue auch, was die entspannte Beschäftigung mit eine bestimmten Farbe für Geschichten, Erinnerungen, Bilder usw. in dir weckt.

UND: Wenn dich die Übung zum Malen, Schreiben, Tanzen anregt, umso besser!
Wenn nicht – die Übung selbst ist schon eine wunderbare kreative Erfrischung, die dazu führen kann, dass deine schöpferische Seite bei allem, was du tust, mitspielen darf.

 

ZWEITE ÜBUNG zum Advent:

Bei mir entwickelte die Übung einen zweiten Teil:

Nachdem ich mehrere Tage in Orange geschwelgt hatte, komplett mit Flahbacks nach Indien, wo eine jüngere Paro vor Jahren in orange gekleidet lebte und meditierte, begann sich meine Seele nach einer neuen, anderen Farbe zu sehnen.

Und heute schalte ich um.

Welche Farbe jetzt dran ist? Das erzählen wir uns später, oder?
Falls du auch beim zweiten Teile dieser Übung mitmachst, kann sie auch dich ganz entspannt mit den Farben des Regenbogens durch die Adventszeit und bis Silvester führen:

Wir fangen mit der Farbe Orange an, sättigen uns selbst und unsere Seele ein paar Tage lange mit ihrer Schwingung, lassen uns inspirieren, beobachten, was passiert – und folgen schließlich dem inneren Bedürfnis nach eine anderen Farbe, die uns auf dieselbe Weise begleiten darf.

PS: Nachdem ich gerade mal einen halben Vormittag mit meiner neuen Farbe verbracht habe, kann ich schon sagen: Völlig anders! Einladung in eine geheime Welt. Ja, ich komme!

Schreibt mir, wie die Übung für euch ist/war. Ein paar Worte reichen.
Und vor Weihnachten melde ich mich hier nochmal und berichte auch von meinen Erfahrungen.

Erinnerungen und Bilder

Herbst-Inspirationen

Wenn die ersten Herbststürme an den Fensterläden rütteln, wächst die Lust auf Gemütlichkeit und damit (jedenfalls für mich) die Zeit der Bücher. Na, ehrlich gesagt lese ich ständig viel, aber im Herbst noch viel mehr. Und gelegentlich habe ich das Glück, eine „neue“ Autorin für mich zu entdecken. Eine, die ich noch nicht kannte und von der ich auch nichts Spezielles erwartete, aber die so großartig besprochen wurde, dass meine Neugier geweckt war.

Das geht oft in die Hose – literarisch hoch gehandelte Bücher entsprechen häufig nicht meinem Lesegeschmack – aber dieses Mal bin ich begeistert: Ich lese gerade „Die Jahre“ von der französischen Autorin Annie Ernaux und bin hin und weg!
In einem extrem eigenwilligen Stil erzählt (oder berichtet) Annie Ernaux von ihrer Kindheit und Jugend, schreibt Eindrucks-Stücke nieder, die eine ganze Zeit wachrufen und höchst lebendig werden lassen, jedenfalls für mich, denn es ist auch die Zeit meiner Kindheit und Jugend. Das macht etwas mit mir, es rührt an tiefe Vergessenheiten und lässt sie wieder spürbar und hörbar und riech-bar und fühlbar und gegenwärtig werden, als erlebte ich sie jetzt, in meinem Inneren, noch einmal.

Plötzlich taucht nachts im Traum meine Mutter auf, unser altes Haus, mein Rock mit Petticoats als ich 13 war und die Lieder, die damals auf den Jahrmarktskarussells dudelten. Und auch tagsüber bin ich inspiriert. Es ist, als ob parallel zum Jetzt eine „vergangene“ Zeit eingeladen wurde und sich genauso gegenwärtig anfühlt wie das Jetzt, vermischt und verwoben mit dem Hier-Gefühl – und ich bin angestoßen wie eine Glocke, die alte Lieder tönt mitten in diesem Sein.
Schön ist das!
Soll ich sofort meine Memoiren schreiben? Alte Lieder singen? In meine Heimatstadt fahren?
Oder mich mal wieder meiner Zeichenpraxis widmen, über die ich ja schon im letzten Beitrag geschrieben habe.

Zeichnen

Ich entscheide mich für die Zeichenpraxis, ist doch gerade ein Blog-Beitrag fällig (dieser) und vielleicht regt das Zeichnen mich weiter an!
Und tatsächlich, das tat es – tut es eh fast immer, aber dieses Mal transportierte es mich, obwohl ich einfach eine Ecke meines Zimmer zeichnete, in eine Zeit vor 40 Jahren, als ich in London lebte. Und obwohl man es der Zeichnung sicher nicht  ansieht, wirkt sie auf mich wie ein Tor in meine Wohnung in Crouch End und mitten in das Lebensgefühl von damals.

Das hat mich so beglückt (und tut es immer noch), dass ich es euch nicht vorenthalten möchte. Diese Art zu zeichnen birgt, je länger man dran bleibt, immer mehr Freuden und Geheimnisse… vielleicht auch für euch.
Probiert’s aus, schickt mir eure Bilder, erzählt mir davon!

Zeichenübung

Und für alle, die sich nicht an die Zeichenübung erinnern (und nicht extra im vorigen Beitrag nachlesen wollen):

Lege deine Zeichensachen (oder dein iPad*) bereit, wähle etwas, auf das dein Blick fällt, schaue es kurz genauer an, schließe die Augen. Nimm das innere Bild des Gesehenen wahr (das muss kein visueller Eindruck sein, es kann z.B. auch als Ahnung oder als Fantasie auftauchen). Dann zeichne es, ohne lange nachzudenken. Und ohne aufzuschauen und den ursprünglichen Gegenstand noch einmal anzuschauen.

*Ich experimentiere in letzter Zeit immer häufiger mit der Zeichen-App auf meinem iPad, und entdecke dabei – nach anfänglichen Vorbehalten – eine große, neue Freiheit… die ich mir allerdings erst zugestand, nachdem ich las, dass der englische Künstler David Hockney, den ich sehr schätze, fast nur noch mit dem iPad malt. Tja, die Vorurteile…
Aber meine Kreativität sagt: Immer probieren Paro, experimentieren, selber rausfinden!

Hier mein letztes Ergebnis:

Die Zimmerecke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und das innere Bild, das danach entstand:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie gesagt, wahrscheinlich sieht man es der Zeichnung nicht an, aber für mich hat sie magische Qualitäten. Und das ist es ja, was zählt

Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen und Geschichten!

Die innere Welt der Bilder

Am Anfang und am Ende ihres wunderbar skurrilen Buches „Was man von hier aus sehen kann“ schreibt die Autorin Mariana Leky über „Nachbilder“ – Bilder, die man hinter geschlossenen Lidern sieht, wenn man eine Sache länger anschaut und dann die Augen schließt. Das äußere Bild wird zu einem veränderten innerem Bild.
Daran musste ich denken, als mir neulich in meinem Stammcafé die Idee zu einer kleinen Zeichenübung kam.

Ich machte mir gerade Notizen für einen bevorstehenden Kurs und hatte auch vor, mal wieder mit meinem iPad zu zeichnen: Eines meiner privaten Projekte besteht zurzeit darin, so oft wie möglich mein iPad dabeizuhaben und in ruhigen Momenten unterwegs (meistens in Cafés) zu zeichnen, was ich sehe, ohne eine Auswahl zu treffen – und ohne mich zu irgendetwas zu zwingen.

Kurz etwas zur Vorgeschichte:
Lange Zeit war mir das Abzeichnen suspekt. Es hatte mir zuviel mit Akkuratesse, Regeln, Arbeit zu tun.
Vor einer Weile aber erkannte ich, dass ich das Zeichnen – trotz der vielen positiven Erfahrungen beim Intuitiven Malen – immer noch mit alten inneren Grenzen verband, die ich in meinem vorzeitig beendeten Kunststudium nicht überwunden hatte.
Ich war damals nicht diszipliniert genug gewesen, d.h., ich hatte die Lust an der Selbstmotivation und die dazugehörige Disziplin noch nicht entwickelt, und erhielt auch keine für mich stimmige Anleitung.
Und weil ich diesen Weg nicht weiterverfolgte, blieb die unbewusst gespeicherte Vorstellung, ich sei einfach nicht konsequent oder geduldig genug, um jemals „gut“ zeichnen zu lernen, viele Jahrzehnte lang bestehen. Ich dachte, es passe einfach nicht zu mir.
Doch wenn man sich einmal auf den kreativen Weg begeben hat, holen einen nach und nach alle vergessenen und verdrängten „Misserfolge“ ein – und wollen verstanden und gelöst werden… Und so ist jetzt das Zeichnen wieder dran.

Nun zurück ins Café:
Ich saß also vor meinem Kaffee und mein Blick fiel aus dem Fenster:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Genau das, sagte ich mir und holte mein iPad aus der Tasche, werde ich jetzt zeichnen.
Und ich litt sofort, genau wie früher, an mangelnder Geduld und einem spontanen Lust-Verlust.
Wer will denn sowas zeichnen!?

Doch dann kam die zündende Idee:
Ich schaue mir das „äußere“ Bild dieser Dorfstraße mit dem direkt vor meiner Nase geparkten Auto noch einmal genau an, schließe dann die Augen und lasse mein Inneres mitreden. Und dann male ich los und lasse mich von meinem „inneren“ Bild überraschen.
Sofort war meine Experimentierfreude geweckt! Es ging ja nicht um Kunst, Vergleichen, Richtig oder Falsch, sondern um eine spannendes Spiel. Es MUSS JA AUCH NICHTS WERDEN, sagte ich mir, es darf einfach nur Spaß machen!
Und den machte es.

Hier ist die wunderbar un-perfekte Zeichnung, die dabei entstand:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich aber habe Blut geleckt und freue mich schon auf meine nächste Zeichensitzung im Café. Und ich weiß, selbst wenn ich denselben Ausschnitt wählen würde – das Bild würde völlig anders werden, weil ja mein Inneres und meine Stimmung immer wieder anders sind…

Lust, es auch zu probieren?


Kleine Übung:
Du brauchst etwas ungestörte Zeit, wo immer du gerade bist, sowie Zeichenpapier oder einen kleinen Block und Stifte.
Oder du experimentierst wie ich mit einem iPad und einer Zeichen-App (das ist für mich ein spannendes Neuland, besonders gut für unterwegs…).


Die Übung:
Du schaust auf den gegenwärtigen Blick (egal, ob er dir gefällt oder nicht) und schließt die Augen.
Hinter den geschlossenen Lidern lässt du den Blick auf dich wirken.
Du erlaubst auch deinem Fühlen und Spüren, sich einzuschalten.

Dann nimmst du den Block und die Stifte (oder das iPad) zur Hand und malst das „innere Bild“ – ohne groß nachzudenken oder zu interpretieren, aber mit gelegentlichem Augenschließen und Nachspüren.

Hinweis: Es geht bei dieser Übung ABSOLUT NICHT darum, in irgendeiner Weise ein ästhetisches, „schönes“, bedeutungsvolles oder künstlerisches Bild zu erzeugen. Nein, wir üben einfach, auf das innere, an das Fühlen und Spüren gekoppelte Sehen umzuschalten – und sofort und ohne nachzudenken loszumalen.

Noch ein Hinweis: Wir malen das innere Sehen nicht Eins-zu-Eins ab (da machen wir doch besser gleich ein Foto!). Es geht nicht um irgendeine Leistung. Wir malen das innere Bild einfach so, wie es sich im Moment über die Stifte und Farben ausdrückt, unseren Mal- und Spielfähigkeiten entsprechend.


Der Hintergrund:
Ich arbeite sehr viel mit inneren Bildern und Geschichten und weiß daher, dass diese stets mit Emotionen, Erinnerungen und gespeicherten Informations-Energien vermischt sind. Und je tiefer ich mit mir, meinem Körper/Energiefeld und dem gegenwärtigen Moment in Kontakt gehe, desto tiefere Ebenen und Metaphern werden enthüllt.

Es ist endlos spannend (und auch berührend und heilend), diese inneren Ebenen beim Malen mitschwingen zu lassen, wie es die meisten Maler – und auch wir in den Kursen – immer wieder tun. Ebene hinter Ebene tut sich auf, und das Fühlen, Spüren, Sehen, Hören und „Erinnern“ erschaffen gemeinsam neue, von tiefer Sinnhaftigkeit erfüllte Welten. Im Inneren, auf der Leinwand, auf dem Papier.

Die oben beschrieben Übung ist eine kleine Anregung dazu.