Das kleine Um-Zu

Wieder mal die Sonne, Wind, ein milder Sommermorgen. Ich sitze auf meinem Balkon zwischen grünen Blättern, schließe halb die Augen, spüre meinen Atem, spüre mich selbst, spüre den Wind, erlaube mir Ja zu sagen zu allem, was ist. Innen und außen. Das ist meine derzeitige Lieblingsmeditation, und ich habe eine halbe Stunde Zeit dafür.

Heute ist einer der Tage, an denen Leichtigkeit, Freude, Wunder in mir auftauchen (das ist nicht immer so), und ich fühle mich eins mit der Luft, der Sonne, der kleinen dicken Hummel auf einer frisch geöffneten Blüte. Da blicke ich in einem Moment der Achtlosigkeit auf die Uhr und denke: Oh, toll, nur noch 7 Minuten, dann habe ich es geschafft.

Geschafft? Was soll das denn heißen? Hier fühle ich mich schon ganz wunderbar – und giere trotzdem aus alter Gewohnheit danach, dass endlich das Nächste (in diesem Fall ein paar Jobs am Computer) kommt. Das Streben nach dem Traum, dem Besseren, dem Zukünftigen in all seiner Absurdität!

Also kurz innehalten, spüren, atmen, Ja sagen. Beobachten, wie sich das Um-Zu in die Gegenwart auflöst. Und diese kleine Übung auch später immer mal am Computer machen. Und jetzt, während ich dies schreibe.

(Auch beim Malen eine der besten Ressourcen!)

(Bild: Paro)

Neu beginnen

Fast ein halbes Jahr habe ich hier nichts geschrieben. Ich brauchte eine längere Pause, um mich innerlich zu sortieren und neu zu orientieren – und möchte mich bei allen Leser*innen entschuldigen, die sich Sorgen machten oder wunderten, was mit mir los war: Die plötzliche Unlust überraschte mich selber und ich dachte immer, ach, in ein, zwei Wochen ist das vorbei und ich schreibe wieder.

Nun, jetzt stehe ich wieder auf der Matte und werde in unregelmäßigen Abständen von mir hören lassen. Was nach der Pause anders ist? Ich weiß es selbst noch nicht genau, möchte es Schritt für Schritt schreibend entdecken und empfangen. So, wie beim Malen und im Leben und bei allen kreativen Prozessen, wo sich der Weg Schritt für Schritt enthüllt, indem wir ihn gehen.

A room of one’s own 3

Der dritte, zentralste kreative Raum beim Malen und Schreiben ist in meiner Sicht der Energieraum, den ich als meistens als „Ich“ empfinde: Mein Innenraum, mein Seelenraum, mein kreativer Inspirationsraum.

Außen und Innen

Denn was uns inspiriert sind zwar allerlei Dinge, Erlebnisse, Farben, Bewegungen und Erscheinungen im Außen, aber erst in unserem Inneren ergeben sie einen ganz eigenen, geheimen Sinn. Das ist wie eine Vereinigung, eine fruchtbare Begegnung zwischen der Außenwelt, die uns mit ihren vielen Eindrücken (und unseren Reaktionen auf sie) oft komplett gebannt hält und unserer „Innenwelt“, dem Sein im gegenwärtigen Moment.
Zwischen Fantasie, Erinnerung, Geschichten und der Realität in der Gegenwart.

Doch was passiert?
Ich hole Farben, Wasser, Pinsel.
Ich setze mich an mein Bild.
Ich mische  mir die richtige Farbe.
Ich beginne zu malen – und werde sofort von einem automatischen Sog mitgezogen: Tun, Schaffen, Erzeugen, Machen… alles automatisch, alles von alten Vorstellungen, Regeln, Ideen und Ansprüchen bestimmt.

Die kreative Quelle strömt wie immer, und gerade beim Malen könnte ich mich ihr anvertrauen, mich auf das Wunder dieser Gegenwart einlassen, Tiefe, Weite, Geheimnis erfahren – doch ich überdecke diese Möglichkeit mit einem alten Pflichtprogramm und nehme sie nicht wahr.

Raum 1 und Raum 2 habe ich mir genommen, aber den dritten, den geheimnisvollsten inneren Raum überrenne ich mit meinem Tun.

Der geheimnisvollste innere Raum

Dieser kostbare innere Raum ist nichts Esoterisches, nichts Heiliges, nichts Besonderes, er ist einfach nur die Realität. Er ist das, was IST, und er ist immer da. Und ich habe die Wahl, mich auf ihn einzulassen und ihn zu erleben – oder ihn mit meinem eifrigen Tun zu überlagern. So zu tun, als sei ICH zuständig für meine Kreativität.

Was für ein Witz!

Ich bin nur dafür zuständig, meinem stets präsenten inneren Raum eine Chance zu geben. In ihm tanzt meine Kreativität ihren Fandango, ihren Walzer, ihren Capoeira, ihr Ballett, und ich brauche nur als Gast anwesend zu sein und mich auf das, was ich vorfinde, einzulassen: Empfangen und schauen wie ein Kind, mich ergreifen lassen, mitströmen, Leben spüren.

Malabend

Jenseits des automatischen Tuns: Endlose Weite, strahlendste Freude, packendstes Abenteuer. Dort treffen wir uns!

 

Nächsten Dienstag ist wieder mal virtueller Malabend (oder Schreibabend für alle, die lieber kreativ schreiben). Und ich lade dich ein, an diesem Abend den dritten Raum deiner Kreativität zu würdigen:

Vor dem Malen/Schreiben kurz innehalten.
Die Augen schließen.
Das gegenwärtige Jetzt spüren und erleben.
Alles, was in diesem Jetzt auftaucht, als Energie wahrnehmen (anstatt eine weitere Geschichte daraus zu machen).
Atmen, die Energien erlauben, in dir halten, sich bewegen lassen.
JA sagen zu all dem vielen Leben das in dir steckt. Das du bist.

Und dann malen. Schreiben. Und zwischendurch immer mal kurz innehalten und an den neuen gegenwärtigen Moment andocken.

Diese Übung kannst du natürlich auch Montag oder Freitag oder in zwei Wochen machen! Oder jedes Mal bevor du malst (das tue ich auch).
Über Feedback freue ich mich!