Das Glück der kleinen Dinge

Was zählt, ist der eigene Rhythmus
(Sechste Woche vor Ostern)

Als ich jung war und unbedingt Künstlerin werden wollte, träumte ich davon, mich frei und kreativ auszudrücken. Was ich darunter verstand?
In meiner Fantasie stand ich vor Riesenleinwänden, bedeckte sie mit kraftvollen archaischen Zeichen, gab der inneren Größe, die ich spürte, ungehindert Raum. Jackson Pollock war mein Star, ich war wild, ich war lebendig, ich war nicht zu stoppen.

GroßeGesteAuch heute gibt es Zeiten, in denen ich beim Malen die große Geste brauche, den befreienden, ungebändigten Ausdruck, der aus dem ganzen Körper kommt – von den Zehen bis zu den Fingerspitzen.

Ich brauche keine Riesenmalwand mehr für ihn, keine langen Leinwandbahnen auf dem Boden, keine Farbeimer und Malerpinsel. Ein großes Blatt Papier an der Wand, ein paar Temperafarben, ein dicker Aquarellpinsel sind genug und ich breite meine Flügel aus wie ein Adler.

Das Malen hat verschiedene Rhythmen
Doch das ist nur eine Seite des Malens – eine von vielen!
Wie das Leben, wie das Jahr mit seinen Jahreszeiten hat auch das Malen verschiedene Rhythmen. Die große Geste, der weite freie Duktus ist einer von ihnen. Doch es gibt andere – und nicht jeder ist uns vertraut. Manche von ihnen sind uns vielleicht unheimlich, andere verurteilen wir, halten sie nicht für „Kunst“, lehnen sie ab.

Mein inneres Kind liebt besonders die kleinen, spielerischen, oft magischen Dinge. Sie zu malen braucht Geduld, eine bestimmte Art von Hingabe, Spielfreude. Das ist ein Rhythmus, an den ich mich erst gewöhnen musste.
Kleine Blümchen oder (in den Augen meines Kritikers) missglückte Tierdarstellungen hatten für mich auf dem Bild nichts zu suchen. Sie waren nicht frei, nicht künstlerisch, nicht kreativ, sondern Kinderkram. Kleinkariert. Albern.
Deshalb ließ ich sie nicht zu.
KleineDingeDas führte jedes Mal dazu, dass der kreative Fluss für mich stockte.

Die große Geste hatte sich irgendwann erschöpft… und da ich nicht bereit war, mich auf einen anderen Rhythmus einzulassen, kam gar nichts mehr. Oder richtiger: Es kam die Krise, die Blockade, die Verzweiflung.

Hinspüren und einlassen
Inzwischen weiß ich, dass jeder Rhythmus seinen Ort und seine Zeit hat – und dass ICH nicht diejenige bin, die entscheidet, was wann dran ist.
Meine Aufgabe ist es einfach nur, hinzuspüren, wach zu sein, und meinen wechselnden inneren Ausdrucksbedürfnissen Raum zu geben. Keines von ihnen ist besser oder schlechter als die anderen, aber manchmal ist es eben Zeit für die große Geste, und manchmal für die kleinen Dinge (oder einen anderen Rhythmus).

So spürte ich vor ein paar Tagen beim Malen, dass jetzt das Kind den Pinsel ergreifen wollte.
Ich hatte mich schon ein Weilchen eng gefühlt, unwohl, nicht wirklich im Fluss. Das Glücksgefühl, das beim Malen meistens entsteht, war nicht zu spüren.
Ich setzte mich zurück, hielt innere Zwiesprache mit mir, und bemerkte, dass das, was ich gerade malte, nicht mit meiner Energie im Einklang stand. Ein anderer Rhythmus war in mir aufgetaucht, eine leichte Unruhe, ein Schalk, ein Kind, das die Förmchen aus dem Schrank holen und zum Sandkasten gehen will…

AutoAls ich mich darauf einließ, entstand als erstes ein gelbes Auto mit vier grauen Auspuff-Wölkchen. Es fährt eine Straße entlang, die noch gar nicht fertig gemalt ist, und die oben in der rechten Ecke des Bildes in den Bergen verschwindet (auf dem Bild ist nur ein Ausschnitt zu sehen).  Hättest lieber erst die Straße fertig malen sollen, sagte eine Stimme in meinem Kopf, doch sobald das Auto auf dem Blatt entlang fuhr, war ich wieder glücklich.

Als am nächsten Morgen die Briefträgerin kam und ihr gelbes Postauto auf dem Hof stand, dachte ich: Klar, das ist ein Postauto auf dem Bild!
Aber was will es da oben in den Bergen? Da wohnt doch keiner.
Ich schaute mir die Berge noch einmal genauer an und spürte plötzlich, dass sie ein Geheimnis bergen (klar bergen sie etwas, sagte das Kind, sind ja auch Berge! Und ich musste lachen…).
Und ich wusste, dass sich das Geheimnis in den nächsten Malsitzungen enthüllen wird. Das Kind freut sich schon – ich auch!

Das Glück der kleinen Dinge hat mich erfasst, und ich kann es kaum erwarten, wieder mit dem Malen zu beginnen. In den nächsten Tagen gibt es hier sehr viel zu tun, aber mindestens eine Viertelstunde jeden Abend muss drin sein – und wenn Zeit ist, auch mehr.

Wer malt mit?
Alle, die dass Energiefeld nutzen und mitmalen wollen, lade ich herzlich ein, sich einzuklinken und zuhause den Pinsel zu schwingen (oder mit den Fingern zu malen? Jeder Rhythmus braucht seinen eigenen Ausdruck…)

Die Zeiten? Ich werde jeden Abend irgendwann zwischen 18:00 und 20:00 Uhr hier im Atelier dem Glück der kleinen Dinge frönen – bis der Rhythmus wechselt und ein neues Abenteuer beginnt!

Und achtet auf euren Rhythmus
, auf die Art des Ausdrucks, die gerade stimmig für euch ist: Weit und ausholend, zart und filigran, geduldig ordnend, sinnlich fließend oder vielleicht – wie ich im Moment – dem Glück der kleinen Dinge dienend, mit feinem Pinsel, viel Geduld und dem inneren Kind als „Muse“.

Malkurs
Ein Tipp für alle, die mehr malen, mehr entdecken, mehr erfahren wollen: In meinem Malkurs am 24./25. April sind noch Plätze frei!

 

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